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Robby Amper
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Post by Robby Amper »

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Da es im Englischen eine ganze Menge Infos zum Thema Peitschen gibt, sich im Deutschen aber leider nur sehr wenig tut - werden wir hier bei Whip Basics ein wenig Abhilfe schaffen. Das Thema ist nicht komplett abgeschlossen und vielleicht kommt dann und wann was Neues dazu. Aber im Großen und Ganzen werden hier sehr viele Fragen geklärt und viele Dinge erklärt.


Also - fangen wir an...


Die meisten Menschen sehen in einer Peitsche "so ein langes Ding das kracht". Stimmt ja auch irgendwo. Das lange Ding das kracht, besteht aber aus einer Vielzahl von Komponenten. Fangen wir mal aussen an. Und zwar bei der BULLWHIP...

Der Griff/The Handle.

Das Handle ist der einzige feste - starre - Teil an einer Peitsche. Das kann aus einem umwickelten Kern (meist ein Stahlstab, manchmal aber auch Fiberglas) bestehen, oder aus einem Stück Holz gedreht. Sowas nennt man dann "Woodie". Je länger der Griff ist, umso besser lässt sie sich dirigieren und lenken. Bei einer reinen "Working Whip" ist die Länge nicht so wichtig. Die Dinger sind gebaut, um die Herde in Bewegung zu setzen und nicht, um komplexe Routinen und/oder Target Work umzusetzen oder Araber zu entwaffnen. Eigentlich haben/hatten die Bullwhips immer Handles um die 10 inch, aber für den ersten Indiana Jones Film wurde eine Peitsche gesucht, die "abenteuerlicher" aussieht. Also ein kürzeres Handle und eine Handschlaufe. Wobei die Handschlaufe - bis für sehr, sehr wenige Ausnahmen kompletter und völliger Schwachsinn ist. Denjenigen, die denken, eine gute Peitsche braucht eine Handschlaufe, weil Indy eine hatte, der irrt. Und zwar gewaltig. David Morgan wurde seinerzeit regelrecht genötigt, ein solches Ding an die Peitsche zu machen, weil sich dann am Gürtel einfach mehr bewegt. So einfach ist das. Aber bevor ich erkläre, warum eine Handschlaufe (meistens) Schwachsinn ist - und ein gefährlicher obendrein... - hier erst mal ein paar Fotos


Zum Beispiel ein überflochtener Kern. Das Handle einer Bullwhip


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Hier zum Vergleich ein Woodie...


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Hier die Handschlaufe "in groß"...

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Warum ist diese Handschlaufe Blödsinn? Na ja. Stell' Dir folgende Situation vor. Du sitzt im Sattel (Nein, nicht vor dem Fernseher, mit dem Wii Controller in der Hand, mit dem Du wild in der Luft fuchtelst. Auf einem echten Pferd. Von dem man runterfallen kann...), links die Zügel, rechts die Peitsche, die Hand durch die Schlaufe gezogen. So. Jetzt fällt einem der Rinder ein, durchzugehen. Und weil es gar so lustig ist, machen seine Kumpels gleich mit. Und Du stehst mit Deinem Pferd mittendrin. Und jetzt passiert das Malheur. Deine Peitsche verfängt sich an einem der Rinder. An den Beinen, den Hufen, dem Horn, what ever. Und schon wirst Du vom Pferd gerissen. Und - glaub' mir... - das geht derart schnell, dass Du nicht mal anfangen kannst zu versuchen, Deine Hand da rauszubekommen. Jetzt liegst Du am Boden und die Herde trampelt über Dich drüber. Im Film würdest Du am Ende aufstehen, Dir den Staub abklopfen und sagen: "Oh Mann, der Staub hat mich durstig gemacht!".

Im echten Leben bist Du im besten Fall schwerstens verletzt, verlierst einen Arm, beide Beine etc. oder bist einfach tot. So. Und jetzt sehen wir uns die Handschlaufe noch einmal an. Aber mit anderen Augen.



Stimmt's...?



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Bevor wir also durchstarten und die Reise weiter geht, hier noch was zum Thema Handschlaufe. Eine solche Handschlaufe macht Sinn, wenn man trainiert, neue Techniken einübt und noch nicht so richtig sicher ist. Wenn man etwas mit Schwung probiert und einem die Peitsche aus der Hand rutscht... Da macht eine Handschlaufe Sinn :) Ansonsten tun sie einem nur weh, weil man sie sich ständig auf die Hand schlägt.



Die verschiedenen Arten von Peitschen

Es gibt Bullwhips, Stockwhips, Snakewhips, Target whips und es gibt - neben noch ein paar anderen Arten... - auch die sogenannte "English Hunting Whip". Die englische Jagdpeitsche.

Wenn ihr euch die Hunting Whip anseht, werdet ihr schnell über den "Haken" am unteren Ende des Griffes "stolpern". Meine Frage an euch: Was denkt ihr, könnte das sein? Eines gleich vorweg - es ist keine nutzlose Dekoration. Zur English Hunting Whip kann man auch sagen, dass sie der direkte Vorläufer der australischen Stockwhip ist. Denn die ersten, wirklich guten Peitschenmacher kamen aus England. Es gab dann den/die einen oder anderen, der im Rahmen eines "Umverteilungsprojekts" nach Australien kam. Meistens unfreiwillig. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls kam mit den englischen Siedlern auch die Hunting Whip da rüber. Nur... Dort war sie in der bekannten Form sowas von daneben und unbrauchbar, dass man ein paar Änderungen vornahm. Und am Ende dieser Änderungen stand - die bekannte australische Stockwhip!


Aber jetzt zurück zur Hunting Whip. Seht euch die Bilder in Ruhe an...


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Der lustige "Haken" am Ende hat folgenden Grund... Die Jagdgesellschaften ritten munter über das Land um ihr "sportliches" Hobby zu verfolgen. Arme Füchse zu Pferd zu hetzen. In meinen Augen das Allerletzte, aber die Engländer lassen sich von mir leider nichts sagen. Das Land war üblicherweise durch sehr viele Zäune und Tore unterbrochen. Ein solches Tor vom Pferd aus aufzumachen, ist nicht mal so schwer. Aber zum Schliessen - da müssten die noblen Herrschaften vom Pferd steigen. Und genau dafür ist der Haken. Man wirft die Peitsche, hofft, dass sich der Haken dann in den Streben des Tors verhängt und zieht das Tor dann einfach zu. Kein Witz. Der Haken dient der reinen Faulheit der englischen Helden, die hoch zu Pferd mit einer riesigen Hundemeute einen einzelnen Fuchs zu Tode hetzen. Soviel dazu. Und bevor ich es mir mit den Engländern noch mehr verscherze, als ich es schon getan habe...

Eine Sache vielleicht. Die Bilder zeigen eine reguläre Stock whip mit dem "Hook" am Ende - den Haken. Die klassischen Hunting whips haben keinen "Knoten" der den Griff und den Peitschenkörper verbindet - der kam erst wesentlich später - sondern waren mit einem breiten Lederband verbunden. Das Lederband war dazu da, damit das gute Stück nicht von der Schulter rutschte. Mehr Auflagefläche hat als eine rund geflochtene Peitsche. Denn das war wohl der Platz, an dem die Dinger sehr oft waren. Auf den Schultern... Und - mit irgendwelchen komplexen Kombinationen von Cracks war da gar nichts. Null. Versucht mal, ein Bündel weichgekochter Spaghetti als Peitsche zu benutzen. Ungefähr so fühlt sich das an. Ein mittelprächtiger Crack und das war's. Aber dafür musste man nicht absteigen um das Tor zu schliessen. Engländer...



Strands / Plaiting

oder Stränge, Streifen & Flechten

Früher - so um 1820/1850 waren Peitschen erstens sehr, sehr teuer (man bekam ein paar Peitschen für 6 oder 7 Dollar) und zweitens in den allermeisten Fällen nur "four plait". Also mit vier Streifen geflochten. Eine äusserst simple Konstruktion. Die Dinger waren auch relativ schnell im Eimer. Bevor aber jetzt jemand sagt - oder denkt - 6 Dollar? Ist doch lächerlich! Ist es nicht. Denn wenn man in dieser Zeit als Cowhand gerade mal 8 Dollar Monatslohn hatte, sieht das schon ganz anders aus, nicht wahr?

Es heisst übrigens tatsächlich Cowhand. Cowboy ist eher etwas abschätzig. Cowhand ist jemand, der mit den Tieren umgehen kann. Jemand, der die Sache in der Hand hat, weiss was er tut. Cowboy bedeutet schlicht "Kuhjunge" und ist auch so gemeint. Falls ihr also mal auf einer Ranch seid, sagt besser Cowhand zu den Jungs. Damit seid ihr bedeutend besser angeschrieben...

Damals war 4 plait absolut cool und angesagt. Wenn jemand damals etwas wirklich Ausgefallenes und Extravagantes wollte, hat er sich eine 8 plait Peitsche fertigen lassen. Uiuiui... Das war dann aber wirklich was Besonderes. Das war übrigens bis Anfang der 1980er so. Bis ein gewisser David Morgan für einen gewissen Film Peitschen mit 12 plait fertigte. Die sehen eleganter und "peitschiger" (sorry für das Wort, aber mir fällt nichts Besseres ein...) aus. Seitdem denkt die Welt, eine gute Peitsche muss unbedingt 12 plait sein. Und das ist...na?...falsch. Je höher die Strandzahl wird, die Anzahl der verflochtenen Streifen, desto dünner bzw. schmäler werden die Teile. Und damit werden die einzelnen Streifen natürlich empfindlicher und die Gefahr, dass ein solcher Streifen reisst und/oder zerrissen wird, steigt immer weiter. 16 plait ist eine Sache, die ich persönlich gerade noch als gut und funktional ansehe. Alles was darüber hinaus geht. Na ja. Persönliche Eitelkeit. Es gibt Peitschen, die mit 76 plait geflochten werden. Kunstwerke, zweifelsohne. Kaum noch zu bezahlen, sicher. Aber auf keinen Fall um sie zu cracken. Bei einer Strandbreite von knapp unter einem Millimeter würde ich das auch niemandem empfehlen. Einmal geht das vielleicht. Aber garantiert kein zweites Mal.



Es gibt auch Peitschen, die kommen ohne jedes starre Handle aus. Das sind die sogenannten Snake Whips. Eingerollt wie eine Schlange. Diese Peitschen haben den Vorteil, dass man sie eben komplett einrollen und dann in einer Satteltasche verstauen kann. Oder in einer großen Manteltasche. Und die sehen so aus:


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Aber sehen wir uns den Griff noch etwas näher an. Da gibt's nämlich noch Erwähnenswertes, durchaus. Und zwar sind das die Knoten. Der "Heel Knot" unhd der "Transition Knot". Auf Deutsch? Keine Ahnung? Versucht mal, "Sauerkraut" ins Englische zu übersetzen. Es sind Begriffe, die aus dem Englischen kommen, von daher benutze ich auch gerne diese Namen. Der Heel knot ist der Knoten ganz am Ende. Oder am Anfang, wenn man so will. Jedenfalls ist er an dem Ende, das man in die Hand nimmt. Man nennt ihn übrigens auch "Turk's Head", wohl in Anlehnung an die Ähnlichkeit mit einem Turban. Der Heel knot ist sozusagen die Basis eines jeden Cracks. Man hält die Peitsche nämlich nicht am Griff, sondern so, dass der Heel in der Mitte der Handfläche ruht. Dadurch verschmelzen Hand und Peitsche zu einer Einheit. Es ist wie ein Knochen in der Gelenkpfanne. Dort findet all die Drehung und Bewegung statt.

Der Heel ist auch ein Qualitätsmerkmal. Wenn der Heel etwas anderes als "Rock solid" - hart und fest wie ein Felsen - ist, taugt die Peitsche nichts. Denn ein Heel, der sich gleich am Anfang ein wenig bewegt, wird sich im Lauf der Zeit immer mehr bewegen. Und irgendwann fliegt bei einem Crack die Peitsche weg und ihr habt den Heel in der Hand. Alles schon passiert, kein Witz. Dann gibt es den Transition knot. Also sinngemäss "Übergangsknoten". Transition knot klingt doch irgendwie abenteuerlicher, oder? :) Dieser Transition Knot markiert den Übergang zwischen dem starren Teil des Handle und dem beweglichen Teil der Peitsche; dem Thong. Für Thong kann man auch sagen "Peitschenkörper". Das klingt wenigstens nicht ganz so blöd wie "Übergangsknoten"...


Das ist übrigens der hier...


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Ob man den nun braucht, oder nicht kann ich nicht sagen. Technisch ist er auf keinen Fall notwendig. Er hat keinerlei praktischen Nutzen. Aber er sieht gut aus. Und damit erfüllt er doch wieder einen Zweck ;) Beim Woodie seht ihr ebenfalls einen Transition knot. Das ist das schwarze Ding zwischen Holz und Leder. Da der Transition Knot - wie auch der Heel - immer separat aufgeflochten wird, können die Knoten völlig andere Farben und/oder Muster haben als es die Peitsche selbst hat.


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Der hat hier aber vor allem den Sinn, den Ansatz des Ledergeflechts am Holz zu verdecken. Beim Woodie macht der Transition Knot also definitiv mehr Sinn - technisch gesehen - als an einer ledernen Bullwhip.
Soviel also zum Handle.


Bevor wir also im Thema weiter gehen, noch was obendrauf. Es gibt nämlich Bullwhips in den verschiedensten Variationen. Neben den "normalen", komplett überflochtenen Bullwhips oder den Woodies, gibt es noch die sogenannte "Florida Cowwhip". Und die hat ihren Namen... Genau. Aus Florida. Die meisten Menschen denken bei Rinderherden und auch Pferden meist an Texas. Aber so gut wie nie an Florida. Oder an Hawaii...! In Florida gab es ein mächtiges Problem. Die Feuchtigkeit. Leder rottete fröhlich vor sich hin. Adios, Peitsche. Und so kam ein System zur Anwendung, in dem man ziemlich schnell und einfach den Thong - den Peitschenkörper - austauschen, aber den Griff behalten konnte. Mit Erfindung des Asprin war die Forschung nicht mehr aufzuhalten und es kam das Nylon auf den Markt. Okay, vielleicht auch umgekehrt... Jedenfalls war man heilfroh, dass es nun ein Material gab, das in der Feuchtigkeit nicht verrottete. Und schon war das Leder Geschichte und die Florida Cowwhips bekamen den Thong aus Nylon. Und diese Dinger sehen so aus...


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Oder auch so.


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Charakteristisch für die Florida Cowwhip ist der sogenannte "Cup" am oberen Ende des Griffes, in dem der Thong eingesteckt wird. Zwei Stränge des Nylons - früher Leder - werden durch eine Bohrung an der Seite nach aussen geführt, um das Handle gewickelt - mal mehr oder weniger künstlerisch - und festgeknotet. Fertig ist die Laube. In dem Fall eine typische Florida Cowwhip. Und der Cup... Das ist das Ding hier:



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Und die Wicklung kann man hier - ein wenig in der Unschärfe, aber immerhin - auch erkennen:


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Bevor wir im Thema weiter gehen, hier ein paar Bilder von der Entstehung einer Bullwhip, die mit 24 (!) Strängen geflochten wurde. Es ist bestimmt ganz interessant zu sehen, wie sowas aussieht, bevor es eine "richtige" Peitsche ist :)


Hier seht ihr ein ganzes Bündel fertig geschnittener Streifen aus Känguruhleder.
Sieht aus wie ein Haufen Schnürsenkel, aber Nein - es ist Leder :)

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Beim Flechten sieht das dann so aus...


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Und so...


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Langsam aber sicher wird es eine Peitsche. Eine Kleine zumindest. Man kann es vielleicht schon ahnen.


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Die letzten Stränge werden festgezogen und die Knoten klar gemacht.


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Der Fall - ein einteiliges Stück Leder, an dem der Cracker befestigt ist, ist der Teil der Peitsche, der am meisten abbekommt. Immer wieder über den Boden gezogen, beschleunigt, wieder auf den Boden, verknotet und, und, und... Und deshalb muss der auch sehr, sehr robust sein. Und wenn aus einem Stück Leder ein richtig guter Fall wird, sieht das so aus:


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Und am Ende steht dann die fertige Peitsche. In dem Fall eine 6 Ft. Peitsche


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Ich weiss, dass das nur sehr bruchstückhaft ist, aber es soll euch nur einen kleinen Einblick in das Werden einer Peitsche geben. Natürlich steckt da noch viel, viel mehr Arbeit drin. Aber ich denke, der Vorhang ist jetzt ein klein wenig gelüftet :) Die Bilder zeigen übrigens meinen Kumpel Giovanni Celeste aus Italien. Der Mann macht sehr, sehr schöne Sachen. Er ist mit Leib und Seele bei seiner Arbeit. Einer der Peitschenmacher, die ihr Handwerk mit viel Liebe und Leidenschaft betreiben.
I have a screwdriver. I am Legend...
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